Brief des Subcomandante Insurgente Moisés an Luis de Tavira
Sag ihnen, wir müssen widerstehen, müssen rebellieren, müssen leben!

24. Februar 2026

Für den Maestro Luis de Tavira

Compañero Tavira(*),

ich schicke dir unsere Grüße im Namen der zapatistischen Kinder, Alten, Frauen, Männer und AndEren/Otroas.

Von Theaterdirektor zu Theaterdirektor schicke ich dir meine Umarmung. Wir sind froh, dass deine Gesundheit etwas besser geworden ist und du dich gerade bei einer Ehrenveranstaltung inmitten deiner nächsten Familienangehörigen und Freund:innen befindest.

Hier fahren wir fort in unserem Kampf, unserem Widerstand und Rebellion – die, wie du gut weißt, auch durch/für die Künste und Wissenschaften bewegt werden. Vor einigen Wochen schrieben dir die Kunst- und Kultur-Koordinatoren und Theaterleute einen Brief, und du hast ihnen geantwortet. Dies hat unser Herz erfreut, denn derart haben wir verstanden, dass du uns auch so siehst, wie wir dich sehen. Das heißt, als Compañero im Kampf für das Leben.

Wie wir wissen, wird der Sturm in allen Winkeln der Welt stärker und tödlicher, und es sind die, die ganz unten sind, welche am meisten leiden.

Jedoch, wie du es einige Male gut ausgedrückt hast, sind die Künste auch eine Form des Kampfes für das Leben. Und wir - die wir kämpfen, widerstehen, rebellieren - lernen und lehren ebenfalls durch die Künste und Wissenschaften.

In diesen schwierigen und harten Zeiten wird der Kampf für das Leben mit Kopf, Herz und Innereien gemacht. Und diese drei haben mit der Geschichte jeder*jedes Einzelnen zu tun. Wir sind verschieden, different, die wir Originäre, Indigene sind. In Kopf, Herz, Innereien verschieden von denen, die eine andere Sprache, Art und Weise sowie Geschichte haben. Aber wir machen uns innerhalb der Künste und Wissenschaften zu Gleichen. Und mehr noch jetzt, wo der Kampf für das Leben ist – denn das kapitalistische System ist sehr entschlossen, die gesamte Menschheit zu zerstören.

Wir finden das Leben in der Erde, dem Land. Andere in den Wissenschaften oder den Künsten oder in ihrer Geschichte.

Vielleicht denkt eine*r, jede*r solle nach seinem*ihrem eigenen Leben schauen, die gegenwärtige Situation lässt jedoch keinen Raum für den individuellen Kampf. Alle* sind wir in tödlicher Gefahr. Verschieden, unterschiedlich, jede*r gemäß seiner*ihrer Geographie, seinem*ihrem Kalender und seinen*ihren Art und Weisen, machen wir uns – beim Erkennen des Verbrechers und im Kampf ihn zu schlagen – zu Gleichen.

Unsere Anstrengung als Zapatistas, die wir sind, besteht darin, dass wir am Tag nach dem Tode der unmenschlichen Bestie des Systems, nicht dasselbe machen und aus unseren Wurzeln nicht andere Ungeheuer entstehen mögen. Andere Pyramiden, sagen wir zapatistischen Comunidades dazu.

Was wir wollen, ist eine andere Welt, wo wir vervollständigt, ausgeglichen sind (*1). [Jedoch] nicht alle wie Kopien gleich, nicht alle mit der gleichen Art und Weise – sondern jede*r das, was er*sie ist und sein möchte – aber ohne das Differente, Unterschiedliche zu unterdrücken, ohne zu versuchen, es uns gleichzumachen – sondern das zu respektieren, welches nicht so ist wie wir. Eine Welt ohne Ausbeutung, ohne Unterdrückung, ohne Raub und Verachtung.

Wir grüßen dich, Lehrer, Maestro. Sag deinen Nächsten, Geographie und Art und Weisen spielen keine Rolle, auch nicht das Alter oder der Gesundheitszustand! Sag ihnen, wir müssen widerstehen, müssen rebellieren, müssen leben!

Eine Umarmung von deinen Compañeros, den zapatistischen Pueblos.

Subcomandante Insurgente Moisés

Anmerkungen der_die Übersetzer_in:

(*) Luis de Tavira: mexikanischer Dramaturg und Theatermacher
(1) Im Original steht »cabal«; im zapatistischen Sinn meint es »gerecht zwischen allen«