Subcomandante Marcos nimmt Abschied
Zwischen Licht und Schatten

25. Mai 2014
La Realidad, Planet Erde

Compañera, compañeroa, compañero:

Gute Nacht, Abend Tag, je nachdem, was eure Geographie ist, eure Zeit, eure Art. Gutes Morgengrauen!

Ich möchte die Compañeras, Compañeros und Compañeroas der Sexta, die von überall kommen, im Speziellen die Compañeros der freien Medien um Geduld, Toleranz und Verständnis für das bitten, was ich sagen werde, denn das werden meine letzten Worte in der Öffentlichkeit sein, bevor ich aufhöre zu existieren.

Ich wende mich an euch und an alle jene, die uns durch euch hören und anschauen.

Vielleicht wird zu Beginn oder im Verlauf dieser Ansprache in eurem Herzen das Gefühl wachsen, dass irgendetwas nicht stimmt, nicht zusammen passt, so als ob ein oder mehrere Stücke fehlen würden, um das Puzzle zusammenzustellen, das sich vor Ihnen ausbreitet. Denn wie das so ist: Es fehlt, was fehlt.

Vielleicht später, Tage, Wochen, Monate, Jahre, Jahrzehnte nachher, versteht man, was wir heute sagen.

Um meine Compañeras und Compañeros der EZLN bin ich nicht besorgt, denn das ist sowieso unsere Art hier: vorwärts schreiten, kämpfen, immer mit dem Wissen, dass immer fehlt, was fehlt.

Außerdem, und dass sich niemand beleidigt, fühlt, die Intelligenz der zapatistischen compas liegt weit über dem Durchschnitt.

Im übrigen erfüllt es uns mit Befriedigung und Stolz, dass wir vor Compañeras, Compañeros und Compañeroas, sowohl des EZLN als auch der Sexta diese kollektive Entscheidung bekannt geben dürfen.

Und es ist gut, dass es durch die freien, alternativen, unabhängigen Medien geschehen wird, dass dieser Archipel von Schmerzen, Wut und würdigem Kampf, den wir uns als "la Sexta" bezeichnen, über das was ich sagen werde, egal wo immer er sich befindet, in Kenntnis gesetzt wird.

Wenn noch jemand wissen möchte, was an diesem Tag geschehen ist, muss er sich an die freien Medien wenden.

Also dann. Willkommen in der zapatistischen Wirklichkeit.


I.- Eine schwierige Entscheidung

Als wir 1994 mit Blut und Feuer hereinbrachen und unterbrachen, war das nicht der Beginn des Krieges für uns Zapatistinnen und Zapatisten.

Den Krieg von oben mit dem Tod und der Zerstörung, der Beraubung und der Demütigung, der Ausbeutung und das dem Besiegten auferlegte Schweigen, den haben wir schon seit Jahrhunderten ertragen.

Was 1994 für uns beginnt, ist einer der vielen Kriegsschauplätze derer von unten gegen die von oben, gegen ihre Welt.

Dieser Krieg des Widerstandes, der täglich auf den Straßen in jedem x-beliebigen Winkel auf den fünf Kontinten, auf ihrem Land oder in ihren Bergen gekämpft wird.

Er war und ist der unsere, so wie der von vielen, Frauen und Männern von unten, ein Krieg für die Menschheit und gegen den Neoliberalismus.

Gegen den Tod fordern wir das Leben. Gegen das Schweigen verlangen wir das Wort und Respekt. Gegen das Vergessen das Andenken. Gegen Demütigung und Geringschätzung die Würde. Gegen die Unterdrückung die Rebellion. Gegen die Versklavung die Freiheit. Gegen das Aufzwingen die Demokratie. Gegen das Verbrechen die Gerechtigkeit.

Wer, der nur ein wenig Menschlichkeit in seinen Venen verspürt, könnte oder kann diese Forderungen in Frage stellen?

Und damals haben viele zugehört.

Den Krieg, den wir ausriefen, gab uns das Privileg, aufmerksame und edelmütige Ohren und Herzen in nahen sowie weit entfernten Geographien zu erreichen.

Es fehlte, was fehlte, und es fehlt, was fehlt, aber wir haben den Blick des Anderen/der Andern, sein/ihr Ohr, sein/ihr Herz erreicht.

Somit mussten wir auf eine entscheidende Frage Antwort geben: "Was folgt?"

In den trüben Rechnungen des Vorabends gab es nicht einmal die Möglichkeit, uns irgendwelche Fragen zu stellen. Daher hat diese Frage weitere Fragen aufgeworfen:

Jene vorbereiten, die dem Weg des Todes folgen?
Mehr und bessere Soldaten ausbilden?
Anstrengungen zur Verbesserung unserer beschädigten Kriegsmaschinerie unternehmen?
Dialogbereitschaft und Bereitschaft für den Frieden zu simulieren, aber neue Schläge vorbereiten?
Töten oder Sterben als einzige Bestimmung?

Oder sollten wir den Weg des Lebens wiederherstellen, den Weg, den die von oben zerstört haben und weiterhin zerstören?

Nicht nur den Weg der Originalvölker, auch den der Arbeiter*innen, Student*innen, Lehrer*innen, Jugendlichen, Bauern und Bäuerinnen, so wie aller anderen, die oben hofiert, unten aber verfolgt und bestraft werden.

Sollten wir unser Blut auf dem Weg vergießen, der andere an die Macht bringt oder sollten wir unser Herz und unseren Blick umkehren, zu denen, die wir sind und zu denen, die sind, was wir sind, das heißt, die Originalvölker, die Wächter des Bodens und der Erinnerung?

Damals hat es niemand gehört, aber im ersten Stammeln dessen, was unsere Worte waren, haben wir darauf hingewiesen, dass unser Dilemma nicht darin bestand, ob wir verhandeln oder kämpfen sollen, sondern zwischen Sterben oder Leben.

Wer damals bemerkt hätte, dass dieses frühe Dilemma kein individuelles war, der hätte vielleicht besser verstanden, was in der zapatistischen Wirklichkeit der letzten 20 Jahre geschehen ist.

Aber wie ich euch sagte, wir befanden uns vor dieser Frage und diesem Dilemma.

Und wir wählten.

Und anstatt uns mit der Ausbildung von Guerilleros, Soldaten und Schwadronen zu beschäftigen, bildeten wir Promotoren und Promotorinnen für die Erziehung und für die Gesundheit aus und die autonomen Basen wurden gegründet, die heute von der ganzen Welt bewundert werden.

Anstatt Kasernen zu bauen, unsere Waffen zu modernisieren, Mauern und Schützengräben zu errichten, bauten wir Schulen, gründeten wir Krankenhäuser und Gesundheitszentren und verbesserten wir unsere Lebensbedingungen.

Anstatt um einen Platz im Parthenon der individualisierten Toten von unten zu kämpfen, wählten wir die Errichtung des Lebens.

All das inmitten eines Krieges, der nicht weniger tödlich war, weil er dumpf war.

Denn, compas, es ist eine Sache zu schreien "Ihr seid nicht allein", aber eine andere, allein, nur mit dem Körper, sich einer gepanzerten Kolonne einer Militäreinheit entgegenzustellen, so wie das in der Zone der Altos von Chiapas geschehen ist, und dann, mal sehen, ob wir Glück haben und jemand hat davon etwas gemerkt, und mal sehen, ob wir noch etwas mehr Glück haben, dass es jemand merkt und sich darüber aufregt, und mal sehen, ob wir noch mehr Glück haben und der, der sich aufregt, auch etwas unternimmt.

Währenddessen werden die Panzer von zapatistischen Frauen aufgehalten, auf Grund eines fehlenden Fuhrparkes mit Verwünschungen und Steinen, sodass die stählerne Schlange den Rückzug antreten musste.

Und im Norden von Chiapas unter der Entstehung und Entwicklung der weißen Wachen zu leiden, damals geschah ihr Recycling als Paramilitärs, und in der Zone Tzotz Choj die ständigen Angriffe von "unabhängigen" Landarbeiterorganisationen, wobei "unabhängig" nicht einmal als Scherz zu verstehen ist, und in der Zone des Tzeltal Regenwaldes die Kombination aus Paramilitärs und Kontras.

Und eine Sache ist es zu schreien "Wir alle sind Marcos" oder "Nicht alle sind wir Marcos", je nachdem, und eine andere die Verfolgung durch die komplette Kriegsmaschinerie, die Besetzung von Dörfern, das "Durchkämmen" der Berge, der Einsatz von Spürhunden, die Artillerie-Hubschrauber, deren Rotoren die Ceiba-Baumkronen aufwirbelten, das "lebend oder tot", das in den ersten Jänner-Tagen des Jahres 1994 aufgetaucht ist und das hysterischste Niveau 1995 erreichte sowie in den noch verbleibenden Jahren der sechsjährigen Regierungszeit desjenigen, der jetzt ein Angestellter eines transnationalen Unternehmens ist, und worunter diese Zone des Regenwaldes an der Grenze seit 1995 litt und wo dann die gleiche Reihenfolge der Angriffe erfolgte, durch Landarbeiterorganisationen, Paramilitärs, Militär, Belästigungen.

Falls es in all dem einen Mythos gibt, dann ist das nicht die Gesichtsmaske, sondern die Lüge, die seit jenen Tagen wiederholt wird, selbst Leute mit hoher Bildung vertreten, dass der Krieg gegen die Zapatist*innen nur 12 Tage dauerte.

Ich werde keine detaillierte Nacherzählung machen. Jemand mit einem Minimum an kritischem Geist und Seriosität kann die Geschichte rekonstruieren und nachrechnen, ob es es mehr Reporter oder mehr Polizisten und Soldaten gab und gibt, ob es mehr Schmeicheleien als Drohungen gab und gibt, ob der Preis der ausgesetzt wurde, dazu diente, um den Gesichtsmaskierten zu sehen oder ihn "lebend oder tot" zu fangen.

Unter diesen Umständen haben wir fortgesetzt − manchmal allein mit unseren Kräften, manchmal durch die grosszügige und bedingungslose Unterstützung von guten Menschen aus der ganzen Welt − das zu schaffen, was wir sind, sicherlich, das ist noch nicht abgeschlossen, aber sehr wohl bereits definiert.

Daher ist es nicht nur eine Phrase, eine gelungene oder misslungene, je nachdem ob man sie von oben oder von unten betrachtet, die sagt: "Hier sind wir, die Toten von eh und je, neuerlich sterben wir, aber jetzt, um zu leben". Das ist die Wirklichkeit.

Und fast 20 Jahre später....

Am 21. Dezember 2012, als Politik und Esoterik wie bereits oft geschehen bei der Vorhersage von Katastrophen übereinstimmten, Katastrophen die immer dieselben betreffen, jene von unten, wiederholten wir die Überrumpelung vom 1. Jänner 1994, und ohne einen einzigen Schuss, ohne Waffen, mit unserem Schweigen, haben wir neuerlich den Hochmut der Städte, Wiege und Nest des Rassismus und der Missachtung, in die Knie gezwungen.

So wie am 1. Jänner 1994 Tausende von gesichtslosen Männern und Frauen die Garnisonen, die die Städte beschützten, angriffen und in die Knie zwangen, so waren es am 21. Dezember 2012 Zehntausende, welche ohne Worte die Gebäude einnahmen, von denen aus unser Verschwinden gefeiert wird.

Einzig und allein die unanfechtbare Tatsache, dass die EZLN nicht nur nicht geschwächt war, noch weniger in der Versenkung verschwunden, sondern sowohl in Quantität als auch in Qualität gewachsen war, hätte für jeden nur halbwegs intelligenten Menschen genügt um zu sehen, dass sich in diesen 20 Jahren im Inneren der EZLN und den comunidades etwas verändert hatte.

Vielleicht denken einige, dass wir uns bei unserer Wahl getäuscht haben, dass eine Armee sich für den Frieden weder einsetzen kann noch darf.

Unter vielen Gesichtspunkten ist das die Wahrheit, aber der Hauptgrund war und ist, dass unter diesen Umständen unser Ende unvermeidbar gewesen wäre.

Vielleicht stimmt es. Vielleicht haben wir uns geirrt, als wir wählten, das Leben zu pflegen, anstatt den Tod anzubeten.

Aber wir wählten, ohne auf die Stimmen von draussen zu hören. Die, die immer den Kampf auf Leben und Tod fordern, wobei die Toten immer von den anderen gestellt werden.

Wir wählten, wir schauten uns an, und wir hörten uns an, wir waren der gemeinschaftliche Beschützer, der wir sind.

Wir wählten die Rebellion, das heisst, das Leben.

Das heisst nicht, dass wir nicht wussten und wissen, dass der Krieg von oben versuchen würde und versucht, uns seine Vorherrschaft neuerlich aufzuzwingen.

Wir wussten und wir wissen, dass wir ein ums andere Mal das verteidigen müssen, was wir sind und wie wir sind.

Wir wussten und wir wissen, dass es weiterhin Tote geben wird, damit es Leben gebe.

Wir wussten und wir wissen, dass wir um zu leben sterben.

II.- Ein Misserfolg?

Man sagt, dass wir nichts für uns erreicht haben.

Es ist schon erstaunlich, dass diese Ansicht mit so viel Unverfrorenheit aufrecht erhalten wird.

Sie glauben, dass die Töchter und Söhne der Comandantes und Comandantas Auslandsreisen geniessen sollen, in Privatschulen unterrichtet werden sollen und dann hohe Posten in grossen Unternehmen oder in der Politik bekleiden sollen. Anstatt den Boden zu bearbeiten, um ihm im Schweisse des Angesichts und mit viel Anstrengung die Nahrungsmittel abzutrotzen, sollten sie sich in den social medias produzieren, sich in den Nachtclubs vergnügen und Luxus zur Schau stellen.

Vielleicht sollten die Subcomandantes ihren Nachkommen die Posten vererben oder neue Posten für sie schaffen, die Pfründe , die Bühnen, so wie das die Politiker von allen Seiten machen.

Vielleicht sollten wir, so wie die Anführer der CIOAC-H und anderer Landarbeiterorganisationen Privilegien erhalten und eine Bezahlung durch Projekte und Unterstützungen, wobei wir den grössten Teil selbst einsteckten und für die Basis nur einige Brosamen abgäben, als Gegenleistung für die getreuliche Ausführung der kriminellen Befehle, die von noch weiter oben kommen.

Aber es ist wahr, nichts von dem haben wir für uns erreicht.

Kaum zu glauben, dass es sich 20 Jahre nach jenem "Nichts für uns" herausstellt, dass es sich nicht um eine Parole handelte, eine griffige Phrase für Plakate und Lieder, sondern um eine Realität, die Realität.

Wenn konsequent sein gleichbedeutend ist mit Misserfolg, dann folgt daraus dass die Inkongruenz der Weg zum Erfolg ist, die Strasse zur Macht.

Aber wir wollen nicht dorthin gelangen.

Das interessiert uns nicht.

Unter diesen Parametern ziehen wir den Misserfolg dem Erfolg vor.


III.- Die Ablösung

Während dieser 20 Jahre hat es viele und komplizierte Ablösungen bei der EZLN gegeben.

Einige haben nur die auffälligsten bemerkt: die altersbedingten: Jetzt kämpfen jene und führen den Widerstand an, die noch klein waren oder noch nicht einmal geboren waren, als wir uns erhoben.

Einige Wissenschaftler haben andere Ablösungen nicht bemerkt:

Der Klasse: von der gebildeten Mittelklasse zum indigenen Bauern.
Der Rasse: von der Mestizen-Führungsschicht zur rein indigenen Leitung.

Und die wichtigsten: die Ablösung der Ideen: von der revolutionären Avantgarde zum gehorchend befehlen; von der Machtübernahme von oben zur Schaffung der Macht von unten; von der Politik als Beruf zur Politik des Alltags; von den Führern zum Volk; von der Marginalisierung der Frauen zur direkten Teilnahme der Frauen; vom Spott über das Anders-Sein zum Feiern der Diversität.

Ich werde mich nicht weiter darüber auslassen, denn es war der Kurs ¨Die Freiheit nach den Zapatist*innen¨, der die Gelegenheit bot, zu beobachten, ob im organisierten Terrain die Person wichtiger ist als die Gemeinschaft.

Ich persönlich verstehe ja nicht, warum Menschen, die denken können und behaupten, dass die Geschichte vom Volk geschrieben wird, so sehr davor erschrecken, dass es eine Regierung des Volkes gibt, wo die "Spezialisten" im Regieren nicht aufscheinen.

Warum verursacht es Entsetzen, dass das Volk befiehlt, dass es seine eigenen Schritte lenkt?

Warum schütteln sie voller Missfallen den Kopf vor dem gehorchend befehlen?

Der Kult des Individualismus drückt sich am deutlichsten im Kult der Avantgarde aus.

Und genau das war es, dass die Indigenen befehlen und dass jetzt ein Indigener der Sprecher und der Chef ist, was sie vor Schrecken erstarren lässt, was sie entfernt, und schlussendlich gehen sie, um weiterhin jemand zu suchen, der eine Avantgarde, einen Caudillo, einen Leader braucht. Denn auch in der Linken gibt es Rassismus, vor allem in der Linken die sich selbst als revolutionär bezeichnet.

Die ezetaeleene gehört nicht zu denen. Daher kann nicht jeder, nicht irgendeiner oder irgendeine, Zapatist*in sein.


IV.- Ein Hologramm das austauschbar ist und wie es gerade passt. Was nicht passieren wird

Vor dem Jahr 1994 verbrachte ich 10 Jahre in diesen Bergen. Ich kannte und hatte persönlichen Kontakt mit einigen, deren Tod wir ein Vieles mitgestorben sind. Seit damals kenne ich andere Frauen und Männer, und ich habe zu ihnen Kontakt, heute befinden sie sich hier.

Es waren viele Morgengrauen, an denen ich versuchte, die Geschichten zu verdauen, die sie mir erzählten, die Welten, die sie mit Schweigen zeichneten, Händen und Blicken, ihr Beharren, etwas weit Entferntes zu zeigen.

War sie ein Traum? Diese Welt, so anders, so weit weg, so unbekannt?

Manchmal kam es mir vor, als wären sie ihrer Zeit voraus, die Worte, die uns leiteten und leiten kamen aus einer Zeit, für die es noch keinen Kalender gab, verloren wie sie waren, in ungenauen Geographien: der würdige Süden, immer präsent in allen Himmelsrichtungen.

Später entdeckte ich, dass sie nicht über eine ungenaue Welt sprachen und daher unmögliche.

Diese Welt ging schon ihren Schritt.

Haben sie es nicht gesehen? Sehen sie es nicht?

Wir haben niemand von unten getäuscht. Wir verbergen nicht, dass wir eine Armee sind, mit der Struktur einer Pyramide, einem Zentrum der Befehlsgewalt, den Entscheidungen von oben nach unten. Nicht um den Libertären zu schmeicheln, oder weil das gerade Mode ist, verleugnen wir, was wir sind.

Aber jeder kann jetzt sehen, ob unsere Armee eine ist, die aufzwingt oder nötigt.

Und jetzt muss ich was sagen, ich habe dafür auch bereits die Erlaubnis des Subcomandante Insurgente Moisés eingeholt:

Nichts von alledem, was wir gemacht haben, sei es zum Guten oder zum Schlechten, wäre möglich gewesen, wenn nicht eine bewaffnete Armee, die zapatistische der nationalen Befreiung, die Waffen ergriffen hätte gegen die schlechte Regierung, unter Anwendung des Rechts auf legitime Gewalt. Die Gewalt derer von unten gegen die Gewalt von oben.

Wir sind Krieger, und als solche wissen wir, was unsere Aufgabe ist und unsere Zeit.

Im Morgengrauen des ersten Tages des ersten Monats des Jahres 1994 ist eine Armee von Riesen, das heisst, von rebellischen Indigenen in die Städte hinabgezogen, um mit ihrem Schritt die Welt zu erschüttern.

Nur einige Tage später, das Blut unserer Gefallenen war noch frisch, da merkten wir in den Strassen der Stadt, dass die von draussen uns nicht sahen.

Gewohnt, die Indigenen von oben herab zu betrachten, erhoben sie den Blick nicht, um uns anzuschauen.

Gewohnt, uns geduckt zu sehen, verstand ihr Herz unsere würdige Rebellion nicht.

Ihr Blick blieb auf dem einzigen Mischling hängen, der eine Gesichtsmaske trug, das heisst, sie schauten nicht.

Unsere Chefs und Chefinnen sagten daher: "Sie sehen nur, wie klein sie sind; machen wir jemand so klein wie sie, dann werden sie den sehen, und durch diesen uns".

Und so begann eine kompliziertes Ablenkungsmanöver, ein riesiger und wunderbarer Zaubertrick, ein listiges Spiel des indigenen Herzens, welches wir sind, die indigene Weisheit forderte die Modernität in einer ihrer eigenen Bastionen heraus: den Kommunikationsmedien.

Und da begann dann die Konstruktion einer Figur, die "Marcos" heisst.

Ich bitte euch, mir bei meinen Argumenten folgen:

Nehmen wir an, es ist möglich, einen Verbrecher unschädlich zu machen. Zum Beispiel, indem man ihm eine Waffe zum Mord schafft, ihn glauben macht, dass die Waffe eine Wirkung habe, ihn bewegt, auf Grund dieser Wirkung seinen ganzen Plan aufzubauen, um genau in dem Moment, wo er seine "Waffe" abfeuern möchte, sie zu dem wird, was sie immer war: eine Illusion.

Das gesamte System - aber vor allem dessen Kommunikationsmedien - spielen damit, Berühmtheiten zu konstruieren, um sie dann zu zerstören, wenn sie sich nicht ihrem Schicksal beugen.

Ihre Macht lag darin (so ist es jetzt nicht mehr, sie wurden nämlich von den social medias abgelöst) zu entscheiden, was und wer existierte, indem sie auswählten, was sie aussprachen oder was sie verschwiegen.

Wie auch immer, nehmt mich nicht zu ernst, wie man in diesen 20 Jahren gesehen hat, weiss ich auch nicht mehr über die Massenmedien Bescheid als andere.

Es war jedenfalls so, dass der SupMarcos vom Pressesprecher zum Alleinunterhalter wurde.

Wenn der Weg des Krieges - oder anders ausgedrückt: des Todes - 10 Jahre dauerte; der des Lebens erforderte mehr Zeit und erforderte mehr Anstrengung, um nicht von Blut zu sprechen.

Denn auch wenn ihr es vielleicht nicht glaubt: Es ist leichter zu sterben als zu leben.

Wir brauchten Zeit, um zu sein und um jene zu finden, die imstande sind, uns zu sehen, wie wir sind.

Wir brauchten Zeit, um jene zu finden, die uns nicht nach oben hin ansahen und nicht nach unten, die uns gerade in die Augen sehen würden, mit kameradschaftlichem Blick.

Wie gesagt, damals begann die Konstruktion der Figur.

Marcos hatte einmal blaue Augen, dann wieder grüne oder braune oder honigfarbene oder schwarze, das hing immer davon ab, wer das Interview machte oder das Foto. So war er Reservespieler in professionellen Fussballteams, Angestellter in Warenhäusern, Chauffeur, Philosoph, Filmschaffender und die vielen Etcs., die man in den bezahlten Medien finden kann, in diesen Kalendern der unterschiedlichen Geographein. Es gab einen Marcos für jede Gelegenheit, das heisst, für jedes Interview. Und es war nicht leicht, glaubt mir, damals gab es kein Wikipedia und wenn sie aus Spanien kamen, musste er herausfinden, ob zum Beispiel der Corte Inglés (Anmerkung der Übersetzerin: Warenhauskette in Spanien) eine typische englische Tracht war, ein Greislerladen oder ein Warenhaus.

Wenn ihr mir erlaubt, die Figur des Marcos zu definieren, so würde ich ohne zu zögern sagen, dass er ein Hanswurst, eine Verkleideter war.

Lasst es mich so ausdrücken, damit wir uns verstehen: Marcos war ein nicht freies Medium (Achtung: das ist nicht dasselbe wie die bezahlten Medien).

Bei der Schaffung und im Erhalten der Figur begingen wir einige Fehler.

"Irren ist menschlich", sagt das Sprichwort.

Im ersten Jahr erschöpften wir – wie man so schön sagt – das Repertoire der möglichen "Marcos'". Das heisst, zu Beginn des Jahres 1995 waren wir in Schwierigkeiten, und der Prozess der Gemeinden befand sich in Kinderschuhen.

Und so wussten wir 1995 nicht mehr, was tun. Aber da geschah es, dass Zedillo mit der PAN als Schützenhilfe Marcos "entdeckte", mit der gleichen wissenschaftlichen Methode, mit denen er Knochen findet, das heisst mit esoterischen Wünschelruten.

Die Geschichte vom Mann aus Tampico verschaffte uns Luft, obwohl uns der darauf folgende Betrug über die Paca de Lozano befürchten liess, dass die bezahlte Presse auch die "Demaskierung" von Marcos in Frage stellen könnte und dann entdecken würde, dass es sich um einen weiteren Betrug handelte. Zum Glück war dem nicht so. Wie dieses, haben die Medien weiterhin auch andere ähnliche Mühlräder verschluckt.

Später kam dann der Mann aus Tampico hierher zu uns. Zusammen mit dem Subcomandante Insurgente Moises haben wir mit ihm gesprochen. Wir boten ihm an, eine gemeinsame Konferenz zu geben, so könnte er sich von der Verfolgung befreien, denn dann würde klar, dass er und Marcos nicht dieselbe Person sind. Er wollte nicht. Er kam, um hier zu leben. Er ist manchmal weggegangen, und man kann sein Gesicht auf den Fotos der Begräbnisse seiner Eltern sehen. Wenn Sie wollen, können Sie ihn interviewen. Jetzt lebt er in einer Comunidad in …. Ach, er will nicht, dass Sie wissen, wo er lebt. Wir sagen nichts mehr über ihn. Wenn er eines Tages möchte, kann er die Geschichte erzählen, die er seit dem 9. Februar 1995 erlebt hat. Uns bleibt nur, ihm dafür zu danken, dass er uns Daten lieferte, die wir immer wieder benutzten, um die "Überzeugung" zu verstärken, dass der SupMarcos nicht der ist, der er wirklich ist, das heisst, ein Hanswurst oder ein Hologramm, sondern ein Universitätsprofessor aus dem jetzt so leidgeplagten Tamaulipas.

In der Zwischenzeit setzten wir unsere Suche fort, wir suchten euch, die Männer und Frauen, die die jetzt hier sind, und jene, die nicht hier sind aber trotzdem präsent.

Wir haben immer wieder Initativen gesetzt, um den Anderen, die Andere, den Compañero, die Compañera zu finden. Viele Initiativen mit dem Versuch, den Blick und das Gehör, die wir brauchen und verdienen, zu finden.

In dieser Zeit ging es in den Dörfern voran, und auch die Ablösungen, über die viel oder wenig gesprochen wurde, aber die direkt sichtbar sind, ohne Zwischenglieder.

Auf der Suche nach dem / der Anderen haben wir ein ums andere Mal Misserfolge erlebt.

Die wir trafen, wollten uns führen oder wollten, dass wir sie leiten.

Es gab welche, die sich uns mit der Absicht näherten, uns zu verwenden oder um zurück zu schauen, entweder mit der Nostalgie des Anthropolgen oder der Nostalgie des Aktivisten.

So waren wir für die einen Kommunisten, für die anderen Trotzkisten, für andere Anarchisten oder Maoisten, für wieder andere Millenaristen und dann lasse ich euch noch eine Liste von "-isten", damit ihr das einfügt, was euch gerade einfällt.

So war das bis zur Sechsten Deklaration aus dem lakandonischen Regenwald - die kühnste und zapatistischste der Initiativen, die wir bis heute begonnen haben.

Mit der Sexta haben wir schlussendlich jene gefunden, die uns direkt in die Augen schauen, uns grüssen und umarmen. So grüsst und umarmt man sich.

Mit der Sexta haben wir endlich euch gefunden.

Endlich jemanden, der verstand, dass wir keine Schäfer suchten, die uns leiteten, auch keine Herden, die wir ins versprochene Land führen könnten. Weder Gebieter noch Sklaven. Weder Führer noch kopflose Massen.

Aber wir mussten noch sehen, ob es möglich wäre, dass ihr schaut und hört, was wir in unserem Sein sind.

Im Inneren war der Fortschritt unserer Menschen beeindruckend.

Und dann kam der Kurs "Die Freiheit nach den Zapatist*innen".

Drei Mal konnten wir sehen, dass es bereits eine Generation gab, die uns in die Augen schauen konnte, die uns anhören und mit uns sprechen konnte ohne einen Führer oder Anweisung zu erwarten, auch ohne Erwartung der Unterordnung oder des Gefolges.

Marcos, die Figur war überflüssig geworden.

Die neue Etappe im zapatistischen Kampf war fertig.

Und dann geschah, was geschehen musste, und viele von euch, Compañeras und Compañeros der Sexta, wissen darüber persönlich Bescheid.

Ihr sagt vieleicht, dass das mit der Figur unnütz war. Aber eine ehrliche Revision dieser Tage wird zeigen, wie viele sich wegen der Entstellungen dieses Hanswurst wieder umgedreht haben, um uns anzuschauen, mit Wohlwollen oder mit Missfallen.

Das heisst, die Ablösung des Kommandos erfolgt nicht wegen Krankheit oder Tod, noch wegen interner Verschiebungen, Säuberung oder Reinigung.

Sie erfolgt in der Logik der internen Wechsel, die die EZLN hatte und hat.

Ich weiss, das passt nicht in die mit Scheuklappen versehenen Schemen der verschiedenen Oben, die es gibt, aber um die Wahrheit zu sagen, das ist uns egal.

Und wenn das die schlampige und schlechte Beschreibung der Gerüchteschreiber und Zapatologen aus Jovel zerstört, na ja, da können wir auch nichts machen.

Ich bin nicht krank, und ich war es auch nicht, ich bin nicht tot, und ich war es auch nicht.

Oder doch: "So oft sie mich auch töteten, so oft bin ich gestorben, und neuerlich bin ich hier präsent". (Anmerkung der Übersetzerin: Dies sind Worte aus dem Lied "La cigarra" von Mercedes Sosa.)

Wir förderten diese Gerüchte deshalb, weil es uns gut passte.

Der letzte grosse Trick des Hologramms war die Simulierung der tödlichen Krankheit und einschliesslich aller Tode, die er gestorben ist.

Richtig, das "wenn es seine Gesundheit erlaubt", das der Subcomandante Insurgente Moisés in seinem Kommuniqué verwendete, in dem er den Austausch mit den Compañeros des CNI ankündigte, ist ungefähr gleich wie der Ausspruch "wenn das Volk es erlaubt" oder "falls die Umfragen für mich gut stehen" oder "so Gott will" oder andere Gemeinplätze, die in letzter Zeit als Krücken für die politische Klasse dienten.

Falls ihr erlaubt, dass ich euch einen Rat gebe: Ihr solltet ein wenig euren Sinn für Humor pflegen, nicht nur zu eurem geistigen und leiblichen Wohlbefinden, sondern auch, weil ihr ohne Sinn für Humor den Zapatismus nicht verstehen werdet. Und wer nicht versteht, der richtet, und wer richtet, der verurteilt.

Tatsache ist aber, dass dies der einfachste Teil der Figur war. Um das Gerücht zu nähren war es nur nötig, einigen bestimmten Personen zu sagen: "Ich erzähle dir ein Geheimnis, aber versprich mir, dass du es niemandem sagen wirst".

Natürlich haben sie es erzählt.

Die wichtigsten unfreiwilligen Mitarbeiter in der Gerüchteküche über Krankheit und Tod waren die "Experten im Zapatismus", die im hochmütigen Jovel und in der chaotischen Stadt von Mexiko angeben, dass sie den Zapatist*innen nahe stehen und tiefgreifende Kenntnisse über sie besitzen und ausserdem, eh klar, die Polizisten, die auch als Journalisten kassieren, die Journalisten, die als Polizisten kassieren, und die Journalist*innen die nur kassieren, und das schlecht, als Journalist*innen.

Danke an alle. Danke für ihre Diskretion. Sie machten genau das, was wir annahmen, was sie machen würden. Der einzige Nachteil bei dem Ganzen ist, dass ihnen jetzt wohl niemand mehr ein Geheimnis anvertrauen wird.

Wir sind überzeugt und unsere Praxis beweist, dass zur Rebellion und für den Kampf weder Führer noch Caudillos noch Messias noch Retter nötig sind. Um zu kämpfen, braucht es nur ein wenig Schamgefühl, ein Quantum Würde und sehr viel Organisation.

Alles andere nuetzt dem Kollektiv oder ist nutzlos.

Es war ganz besonders komisch, was der Personenkult in den Politologen und Analysten von oben verursacht hat. Gestern sagten sie, dass die Zukunft dieses mexikanischen Volkes von der Allianz von zwei Personen abhängt. Vorgestern sagten sie, dass Peña Nieto sich von Salinas de Gortari lossagen werde, ohne zu merken, dass sie, wenn sie Peña Nieto kritisieren, sich auf die Seite von Salinas de Gortari stellen, und falls sie Letzgenannten kritisieren, unterstützen sie Peña Nieto. Jetzt sagen sie, dass man im Kampf von oben um die Telekommunikationen sich für eine Seite entscheiden muss, das heisst, entweder bist du für Slim oder für Azcárraga-Salinas. Und weiter oben für Obama oder für Putin.

Jene, die nach oben seufzen und lechzen, können weiterhin ihren Führer suchen, können weiterhin denken, jetzt endlich werden die Wahlresultate anerkannt, jetzt wird Slim endlich die Option der Linken bei den Wahlen unterstützen, jetzt endlich werden im Game of Thrones Drachen und Kämpfe vorkommen, jetzt endlich wird in der TV-Serie The Walking Dead Kirkman sich der komischen Rolle verschreiben, jetzt endlich werden die in China hergestellten Werkzeuge nicht mehr beim ersten Gebrauch zerbrechen, jetzt endlich wird Fussball Sport und nicht Geschäft sein.

Und ja, kann sein, dass sie es in dem einen oder anderen Fall erraten, aber man darf nicht vergessen, dass sie immer nur Zuschauer sind, das heisst, passive Konsumenten.

Jene, die den SupMarcos geliebt oder gehasst haben, wissen jetzt, dass sie ein Hologramm geliebt oder gehasst haben. Ihre Liebe und ihr Hass waren also unnütz, steril, leer, hohl.

Daher wird es kein Wohnaus-Museum noch eine Erinnerungstafel geben, wo ich geboren wurde und aufwuchs. Noch wird es jemand geben, der davon leben kann, dass er Subcomandante Marcos gewesen ist. Weder sein Name noch seine Stellung werden vererbt. Es wird niemand Gratisreisen ins Ausland machen können, um Vorträge zu halten. Es wird weder Transport noch Behandlung in Luxuskrankenhäusern geben. Es wird weder Witwen noch Erben und Erbinnen geben. Es wird keine Begräbnisse geben, keine Ehrerweisungen, keine Statuen, keine Museen, keine Preise, nichts von dem, was das System macht, um den Personenkult zu fördern und das Kollektiv gering zu schätzen.

Die Figur wurde erschaffen - und jetzt zerstören die Zapatistinnen und Zapatisten diese von ihnen geschaffene Figur.

Wenn jemand diese Lektion, die unsere Compañeras und Compañeros uns geben, versteht, dann hat er/sie das Wesentliche des Zapatismus verstanden.

So geschah in den letzten Jahren, was eben geschah.

Und wir haben gesehen, dass der Hanswurst, der Harlekin, die Figur, das Hologramm nicht mehr nötig war.

Ein ums andere Mal planten wir, ein ums andere Mal warteten wir auf den richtigen Augenblick: den genauen Kalender und die exakte Geographie, um zu zeigen, was wir in Wirklichkeit sind, denen, die wahrhaftig sind.

Und da kam Galeanos Tod, um uns Geographie und Kalender vorzuschreiben: "Hier in La Realidad; jetzt: im Schmerz und in der Wut".


V.- Der Schmerz und die Wut. Flüstern und Schreie

Als wir hier in La Realidad im Caracol ankamen, begannen wir, ohne dass uns jemand darum gebeten hätte, zu flüstern.

Leise sprach unser Schmerz, leiser noch unsere Wut.

So als ob wir versuchten zu vermeiden, dass der Lärm den Galaeno vertreibt, Töne die ihm unbekannt sind.

Als ob unsere Stimmen und Schritte ihn rufen könnten.

"Warte, compa", das sagte unser Schweigen.

"Verlass uns nicht", flüsterten die Worte.

Aber es gibt andere Schmerzen und andere Wut.

Jetzt, in diesem Moment werden in anderen Ecken Mexikos, auf der ganzen Welt, ein Mann, eine Frau, ein/eine Anderer/Andere, ein Bub, ein Mädchen, ein alter Mann, eine alte Frau, ein Andenken, unbestraft geschlagen, vom sich zu einem gefrässigen Verbrecher verwandelten System umzingelt, niedergeknüppelt, niedergestochen, niedergeschossen, noch mal ermordet, unter Spott verschleppt, verlassen, sein/ihr Körper wiedergefunden und darüber die Totenwache gehalten, und sein/ihr Leben wird begraben.

Nur einige Namen von all diesen:

Alexis Benhumea, ermordet im Bundesstaat von Mexiko.
Francisco Javier Cortés, ermordet im Bundesstaat von Mexiko.
Juan Vázquez Guzmán, ermordet in Chiapas.
Juan Carlos Gómez Silvano, ermordet in Chiapas.
El compa Kuy, ermordet in DF.
Carlo Giuliani, ermordet in Italien.
Aléxis Grigoropoulos, ermordet in Griecenland.
Wajih Wajdi al-Ramahi, ermordet in einem Flüchtlingslager im Westjordanland in Ramala. 14 Jahre alt, ermordet durch einen Schuss in den Rücken, abgeschossen von einer Beobachtungsstation der israelischen Armee, es gab keine Proteste, keine Demonstrationen noch sonst etwas auf der Strasse.
Matías Valentín Catrileo Quezada, Mapuche-Indigener, ermordet in Chile.
Teodulfo Torres Soriano, Compa der Sexta, verschollen in Mexiko City.
Guadalupe Jerónimo und Urbano Macías, Gemeindemitglieder in Cherán, ermordet in Michoacán.
Francisco de Asís Manuel, verschwunden aus Santa María Ostula.
Javier Martínes Robles, verschwunden aus Santa María Ostula.
Gerardo Vera Orcino, verschwunden aus Santa María Ostula.
Enrique Domínguez Macías, verschwunden aus Santa María Ostula.
Martín Santos Luna, verschwunden aus Santa María Ostula.
Pedro Leyva Domínguez, ermordet in Santa María Ostula.
Diego Ramírez Domínguez ermordet in Santa María Ostula.
Trinidad de la Cruz Crisóstomo, ermordet in Santa María Ostula.
Crisóforo Sánchez Reyes, ermordet in Santa María Ostula.
Teódulo Santos Girón, verschwunden aus Santa María Ostula.
Longino Vicente Morales, verschwunden aus Guerrero.
Víctor Ayala Tapia, verschwunden aus Guerrero.
Jacinto López Díaz "El Jazi”, ermordet in Puebla.
Bernardo Vázquez Sánchez, ermordet in Oaxaca.
Jorge Alexis Herrera, ermordet in Guerrero.
Gabriel Echeverría, ermordet in Guerrero.
Edmundo Reyes Amaya, verschwunden aus Oaxaca.
Gabriel Alberto Cruz Sánchez, verschwunden aus Oaxaca.
Juan Francisco Sicilia Ortega, ermordet in Morelos.
Ernesto Méndez Salinas, ermordet in Morelos.
Alejandro Chao Barona, ermordet in Morelos.
Sara Robledo, ermordet in Morelos.
Juventina Villa Mojica, ermordet in Guerrero.
Reynaldo Santana Villa, ermordet in Guerrero.
Catarino Torres Pereda, ermordet in Oaxaca.
Bety Cariño, ermordet in Oaxaca.
Jyri Jaakkola, ermordet in Oaxaca.
Sandra Luz Hernández, ermordet in Sinaloa.
Marisela Escobedo Ortíz, ermordet in Chihuahua.
Celedonio Monroy Prudencio, verschwunden aus Jalisco.
Nepomuceno Moreno Nuñez, ermordet in Sonora.

Die Migrantinnen und Migranten, die unter Gewaltanwendung verschwunden sind und wahrscheinlich ermordet wurden, irgendwo auf mexikanischem Territorium.

Die Gefangenen, die man lebend ermorden will. Mumia Abu Jamal, Leonard Peltier, die Mapuches, Mario González, Juan Carlos Flores.

Das fortgesetzte Begraben von Stimmen, die Leben waren, zum Schweigen gebracht durch die Erde, die man über sie schaufelte oder durch das Gefängnis, das sich hinter ihnen schloss.

Und die grösste Verhöhnung ist die, wenn mit jeder Schaufel Erde, die der gerade zuständige Scherge hinabwirft, das System sagt: "Du bist nichts wert, du bist bedeutungslos, niemand weint um dich, niemand ist zornig über deinen Tod, niemand folgt deinem Schritt, niemand erhebt dein Leben".

Und mit der letzten Schaufel Erde richtet er: "Auch wenn sie die erwischen und strafen, die wir dich ermordet haben, wird es immer welche geben, die dich neuerlich in einen Hinterhalt locken und den makabren Tanz wiederholen, der deinem Leben ein Ende setzte".

Und sagt: "Deine Gerechtigkeit ist klein, winzig, dazu gemacht, dass die bezahlten Medien etwas vortäuschen und eine kleine Ruhepause entsteht, um das hereinbrechende Chaos zu bremsen, das alles erschreckt mich nicht, das tut mir nicht weh, das bestraft mich nicht".

Was sagen wir dieser Leiche, die auf jedem Winkel der Welt von unten im Vergessen begraben wird?

Dass nur unser Schmerz und unser Zorn wichtig sind?

Dass nur unsere Wut wichtig ist?

Während wir unsere Geschichte flüstern, hören wir ihren Schrei, ihre Rufe nicht?

Die Ungerechtigkeit hat so viele Namen, und es sind so viele Schreie, die sie auslöst.

Aber unser Schmerz und unsere Wut hindern uns nicht daran, all das zu hören.

Und unser Flüstern ist nicht nur dazu da, um unsere zu unrecht gefallenen Toten zu beweinen.

Sie sind dazu da, um andere Schmerzen zu hören, anderen Zorn zu dem unseren zu machen und so den komplizierten, langen und schmerzhaften Weg weiter zu gehen, aus all dem einen Schrei, der sich in einen Kampf um die Freiheit verwandelt, zu machen.

Und nicht vergessen, während jemand flüstert, schreit jemand.

Und nur das aufmerksame Ohre kann es hören.

Während wir jetzt sprechen und hören, schreit jemand vor Schmerz und Wut.

Und so wie es nötig ist zu lernen, den Blick in die richtige Richtung zu lenken, so muss das Ohr den Weg finden, welches es fruchtbar macht.

Denn während jemand ausruht, gibt es jemand, der den Weg weiterhin aufwärts geht.

Um diese Anstrengung zu sehen, genügt es, den Blick nach unten zu wenden und das Herz nach oben.

Könnt ihr das?

Werdet ihr es schaffen?

Die kleinkarierte Gerechtigkeit sieht der Rache so sehr ähnlich. Die kleinkarierte Gerechtigkeit ist die, die Straflosigkeit austeilt, denn indem sie einen bestraft, macht sie andere straffrei.

Die Gerechtigkeit, die wir wollen, für die wir kämpfen, endet nicht, wenn wir die Mörder des Compa Galeano finden und sehen, dass sie ihre Strafe erhalten (dass es so sein wird, ist sicher, da soll sich niemand täuschen).

Die geduldige und beharrliche Suche sucht die Wahrheit, nicht die Erleichterung von der Resignation.

Die grosse Gerechtigkeit hat mit dem beerdigten Compañero Galeano zu tun.

Denn wir fragen uns nicht, was wir mit seinem Tod machen, sondern was wir mit seinem Leben machen müssen.

Entschuldigt, wenn ich ins sumpfige Terrain der Gemeinplätze hineingleite, aber dieser Compañero hat es nicht verdient, so zu sterben.

All seine Anstrengung, seine tägliche Opferbereitschaft, pünktlich, unsichtbar für alle, ausser uns, galt dem Leben.

Und ich kann euch sagen, dass er ein aussergewöhnlicher Mensch war und ausserdem, und das ist das Erstaunliche, gibt es Tausende von Compañeras und Compañeros wie ihn in den indigenen zapatistischen Gemeinden, mit dem gleichen Bemühen, identischem Engagement, derselben Klarheit und einem einzigen Ziel: die Freiheit.

Und wenn wir makabere Rechnungen aufstellen: Wenn jemand den Tod verdient, dann einer, der nicht existiert oder nicht existiert hat, ausser in der Flüchtigkeit der bezahlten Kommunikationsmedien.

Unser Compañero Chef und Wortführer der EZLN, Subcomandante Insurgente Moises hat es uns bereits gesagt: Mit dem Mord von Galeano oder jedweden Zapatisten wollten die von oben die EZLN ermorden.

Nicht als Armee sondern als sturer Rebell, der aufbaut und Leben gibt und zwar dort, wo sie, die von oben sich das Moor der Minenindustrien, Erdölindustrien, Touristikunternehmen wünschen, den Tod der Erde und jener, die es bewohnen und bebauen.

Und er sagte, dass wir von der Generalkommandatur der nationalen zapatistischen Befreiungsarmee gekommen sind, um Galeano auszugraben.

Wir glauben, dass es nötig ist, dass einer von uns stirbt, damit Galeano leben könne.

Und damit dieser Flegel, der Tod heisst, zufrieden ist, geben wir einen anderen Namen an Stelle von Galeano her, damit Galeano leben könne und der Tod nicht ein Leben nimmt, sondern nur einen Namen, einige Buchstaben ohne jeglichen Sinn, ohne eigene Geschichte, ohne Leben.

So haben wir entschieden, dass Marcos heute aufhört zu existieren.

Sombra, der Guerrero und Lucecita werden ihn an die Hand nehmen, damit er sich nicht verirrt. Don Durito wird mit ihm gehen, ebenso der Alte Antonio.

Die Mädchen und Buben, die früher zusammenkamen, um seinen Geschichten zu lauschen, werden ihn nicht vermissen, denn sie sind schon erwachsen, sie können bereits selbst entscheiden, sie kämpfen bereits wie er um die Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit, eine Aufgabe, die allen Zapatist*innen obliegt.

Der Abschiedsgesang wird jetzt von der Hund-Katze und nicht von einem Schwan gesungen werden.

Und zum Schluss werden jene, die verstehen, wissen, dass nicht geht, der niemals da war und nicht stirbt, der nicht gelebt hat.

Und der Tod wird sich betrügen lassen von einem Indigenen mit Kampfnamen Galeano, und in diesen Steinen, die sie auf sein Grab legten, wird er wieder schreiten, und er wird wieder lehren, jene, die das zulassen, das Basiswissen über Zapatismus, das da heisst: sich nicht verkaufen, nicht aufgeben, nicht wanken.

Ach der Tod! Wie wenn es nicht klar wäre, dass er die von oben von aller Verantwortung befreit, abgesehen von den Trauerreden, der grauen Ehrung, der nutzlosen Statue und des regelnden Museums.

Und wir? Also, das ist so, uns nimmt der Tod in die Pflicht, durch das, was er an Leben hat.

Also, hier sind wir, in der Realität und machen uns über den Tod lustig.

Compas:

Nach alle dem oben gesagten, um 2.08 Uhr am 25. Mai 2014, an der südöstlichen Front der EZLN, erkläre ich hiermit, dass der als Subcomandante Insurgente Marcos bekannte Mensch, der sich selbst als "Subcomandante aus Edelstahl" bezeichnet, aufhört zu existieren.

Das ist es.

Durch meine Stimme wird nicht mehr die Stimme der Zapatistischen Natrionalen Befreiungsarmee sprechen.

Vale. Salud und bis niemals … bis immer. Wer es verstanden hat, wird wissen, dass das nicht mehr wichtig ist, es niemals wichtig war.

Aus der zapatistischen Realität,

Subcomandante Insurgente Marcos


PS 1: "Game is over"?
PS 2: Schach Matt?
PS 3: Touché?
PS 4: Seht zu, Freunde, und schickt Tabak!
PS 5: Mmh… das ist also die Hölle… Der und der auch, der Piporro, Pedro, José Alfredo! Was? Wegen Machismus? Nah, das glaube ich nicht, ich habe niemals …
PS 6: Also, wie man so schön sagt, ohne Hanswurst-Kostüm, und kann ich schon nackt gehen?
PS 7: Hört mal, hier ist es stockfinster. Ich brauche ein Lichterl.

(…)

(Da kommt eine Stimme aus dem Off:)

Guten Tagesanbruch, wünsche ich euch, Compañeras und Compañeros. Mein Name ist Galeano, Subcomandante Insurgente Galeano.

Heisst hier noch jemand Galeano?

(Man hört Stimmen und Rufe.)

Ah, deshalb haben sie mir gesagt, wenn ich nochmals geboren würde, dann würde ich es im Kollektiv machen.

So soll es sein.

Gute Reise. Passt gut auf euch auf. Passt auf uns auf.

Aus den Bergen des Südostens von Mexiko,

Subcomandante Insurgente Galeano