Bürgerwehren auf Grenzpatrouille
Im Grenzgebiet zu Mexiko nehmen viele US-Amerikaner den Grenzschutz lieber selber in die Hand

Die Männer der Bürgerwehr stapfen durchs Buschwerk, als ginge es ins Gefecht. Keiner von ihnen ist aktiver Soldat. Die Männer sind auf Grenzpatrouille. Auch an diesem Morgen haben Immigranten aus Mexiko die Grenze zu Arizona überquert. Sie benutzen Drahtscheren, erklärt Drew, ein Mitglied der Bürgerwehr. "Dort drüben sind hunderte Pfade, überall." Die Grenze ist hier nur ein einfacher Zaun. Ein Rancher hat die Männer bestellt, weil illegale Immigranten sein Land überqueren. Die Mauer muß her Chris Newport war vor Jahren mit der Armee in Berlin und hat die Mauer gesehen. "So etwas brauchen wir hier auch", sagt er heute. "Ich bin hier, weil die Regierung nicht hier ist. Die Regierung erfüllt ihre Aufgabe nicht und wir müssen unseren Freunden helfen, wenn sie in Schwierigkeiten sind. Die ganze Situation hier im Süden ist außer Kontrolle."
Jack Foote ist Sprecher der Bürgerwehr, die auch schon mit dem Gesetz in Konflikt kam. Er pocht auf das Recht seiner Gruppe, Privateigentum zu verteidigen: "Es ist ein Kriegsgebiet - anders kann man es nicht sagen. Wenn Schüsse fallen und bewaffnete paramilitärische mexikanische Gruppen auf dieses Privatgelände kommen, wenn unsere Regierung uns Bürgern den Rücken zuwendet und uns den Raubzügen dieser Horden krimineller Ausländer überläßt, dann ist das ein Kriegsgebiet."

Terroristen mit Massenvernichtungswaffen?
Der Krieg spielt sich allerdings fast nur in den Köpfen ab: Die Mitglieder der Bürgerwehr lieben ihre Waffen und rechtfertigen ihr Tun mit immer unglaublicheren Geschichten über die angebliche Bedrohung aus Mexiko. Zum Beispiel die Geschichte von Kerry Morales: "Bei unserer letzten Operation kam das FBI und hat uns gesagt: Auf der anderen Seite der Grenze sind Menschen mit Massenvernichtungswaffen. Gerade 40 Meilen von meiner Ranch entfernt wollten Terroristen die Grenze überqueren - und das mit Massenvernichtungswaffen."
Auch die Regierung glaubt an die Bedrohung mit Massenvernichtungswaffen. Ein Selbstmordattentäter sprengt sich in die Luft – so beginnt eine Übung am Grenzübergang Nogales. Terroristen bringen Chemiewaffen zur Explosion und setzen Giftgas ein. Das Motiv der angeblichen Terroristen: Die amerikanisch- mexikanischen Handelsbeziehungen sollen gestört werden. Wie realistisch ein Giftgasangriff aus Mexiko ist, will die Regierung nicht sagen.

Auch normale Bürger haben inzwischen Angst. Johnny Petrello fängt regelmäßig Mexikaner, weil er nicht mehr an das Versprechen von Präsident Bush glaubt, mehr Grenzpolizei nach Arizona zu schicken. "Präsident Bush hat gelogen", sagt er, "so einfach ist das. Er schickt unsere Armee, unser Geld, er bringt unsere jungen Männer und Frauen in Gefahr, um die Grenzen anderer Länder zu verteidigen: aber er ist nicht bereit, das für die Vereinigten Staaten von Amerika zu tun." Johnny Petrello geht nie ohne seine 45er aus dem Haus, seit seine Frau und seine Tochter ein Dutzend Mexikaner über ihr Grundstück laufen sahen und sich bedroht fühlten. "Ich habe die Waffe entsichert und geschrieen: Halt, halt, Gefahr!", erzählt Johnny, "dann habe ich geschossen. Sechs Mal, vor die Füße der ganzen Gruppe - da liefen sie davon. Ich hatte nur noch eine Kugel und wenn diese Jungs mich angegriffen hätten, wäre ich mausetot gewesen und sie hätten meine Tochter und meine Frau gehabt."

Milliarden vom Staat
Für die Überwachung der Grenze gibt die Regierung jedes Jahr mehr als eine Milliarde Dollar aus. Kameras und Bewegungsmelder gibt es aber nur wenige, die Grenze in Arizona ist an vielen Stellen kaum befestigt. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: 3000 Kilometer Zaun, 100.000 Polizisten, rund eine Million Festnahmen im letzten Jahr. Für jeden Festgenommenen, so die Schätzungen, kommen mindestens vier Illegale durch. Dann heißt es für Beamte wie Greg Maier: Spuren lesen wie zur Zeit der Indianerkriege. An machen Tagen nehmen Maier und seine Männer allein im Gebiet ihrer kleinen Grenzstation bis zu 800 Grenzverletzer fest.
Die erdrückende Mehrheit sind weder Terroristen oder Drogenkuriere, sie transportieren auch keine Massenvernichtungswaffen. Sie sind einfach nur Menschen, die vor der Armut fliehen, um in den USA Geld zu verdienen für sich und ihre Familien. Die Grenzpolizei weiß das und hat deshalb nur wenig Verständnis, daß Bürgerwehren diese Menschen jagen.
"Wir warnen eindringlich davor", sagt Greg Maier, "daß diese Menschen sich das Recht herausnehmen, illegale Einwanderer zu stellen und festzunehmen. Dieses Recht hat nur die Grenzpolizei. Wer es trotzdem tut, muß damit rechnen, angeklagt zu werden." Die illegalen Einwanderer werden nach Begegnungen mit privaten Milizen befragt. Kaum jemand aber wagt es, über seine Erlebnisse zu berichten. Sie wollen nur schnell die übliche Prozedur hinter sich bringen: Ein Foto, ein Fingerabdruck, dann werden die Festgenommenen in einen Bus geladen und zur nahen Grenze gebracht. Die routinemäßige Abschiebung wird von vielen US-Bürger nicht akzeptiert: Worin besteht die abschreckende Wirkung, fragen sie, wenn die Mexikaner es gleich am nächsten Tag wieder versuchen können?

Die andere Seite
Auf der anderen Seite in Mexiko treffen wir Marco Antonio. Auch er wurde abgeschoben. Seine Frau und Kinder leben noch illegal in Arizona. Er wurde bei einer Razzia in einer Restaurantküche geschnappt. "Ich weiß nicht, was ich machen soll", sagt Marco Antonio, "Meine Familie braucht mich. Ich kann ihnen kein Geld schicken, sie können nichts zu essen kaufen. Ich muß auf jeden Fall wieder versuchen, über die Grenze zu kommen." Für einen professionellen Schlepper hat Marco Antonio kein Geld mehr: Er hofft, daß er trotzdem erfährt, wo man im Moment die Grenze am besten überqueren kann. In dem kleinen Ort kennt fast jeder die privaten Schutztruppen auf der anderen Seite.
"Als ich es das letzte Mal versucht habe", erzählt Marco, "haben mich diese Leute geschnappt. Sie hatten Uniformen, waren aber keine reguläre Grenzpolizei. Sie haben mich mit vorgehaltener Waffe festgehalten und wollten mich ausrauben. Als sie merkten, daß ich nichts hatte, haben sie die Grenzpolizei gerufen. Ich wollte weglaufen, aber ich hatte Angst, sie erschießen mich."

Schicksale auf beiden Seiten
Wir sind wieder bei der Bürgerwehr: Drew Stapp bereitet sich auf den nächsten Einsatz vor, als ginge es ums Überleben. Die Schießübung führt er regelmäßig durch, mit der Munition an seinem Körper könnte er eine ganze Gruppe Bewaffneter eine halbe Stunde lang aufhalten. Der ehemalige US-Marine hat handfeste Gründe für seinen Einsatz. "Ich wurde übergangen, als ich mich um einen Job als Krankenpfleger beworben hatte", sagt Drew, "Sie haben lieber Mexikaner genommen, obwohl die Illegale waren."
Er müsse seine Familie ernähren, genau wie sie. "Ich habe für mein Land gekämpft, ich habe meine Pflicht getan. Und wenn ich jetzt keine Anstellung finde, weil Fremde bereit sind, für weniger Geld zu arbeiten, wie soll ich dann meine Kinder ernähren?"
Marco Antonio macht sich auf den Weg zu seiner Familie, die heimlich in einem Land lebt, das sie nicht haben will. Er hofft, daß er diesmal durchkommt - ohne Menschen zu begegnen, die Armut mit Sturmgewehren bekämpfen.

Thomas Berbner
Washington, Dezember 2003